Beziehungskrise vs Ferienidylle – Das Seelenkonto fordert zuerst Ausgleich

Das letzte Mal auf meiner Lieblingsinsel auf den Malediven amüsierte mich zu beobachten, dass beim gemeinsamen Essen genau zu erkennen war, wer neu angereist war. Es war an der völlig anderen Ausstrahlung offensichtlich.

Die ersten Tage schienen fast ausnahmslos alle neu angereisten, meist Paare, grimmig, gereizt, angespannt, sehr kritisch, unzufrieden, aggressiv etc. und es gab an manchen Tischen bei der Hitze eisigkalte Konflikte mit versteinerten Mienen, bei anderen offenbar Streit und hitzige Diskussionen, manche kamen sogar getrennt, nacheinander einzeln zum Essen.

Das war auffällig wahrzunehmen im Kontrast zu einem selbst und dem Rest der Anwesenden, die in einer glückseligen inneren Zufriedenheit und tiefen Ruhe und Entspanntheit sichtlich genießend und im Vergleich wie in einer Art Zeitlupe erschienen. Nach einigen Tagen waren die meisten dann kaum noch unterscheidbar und es kamen die nächsten Neuanreisenden.

Wie lässt sich erklären, dass Paare gerade im Urlaub, vor allem zu Beginn, besonders häufig streiten?

Nach Schwarz (2009) werden bei asymmetrischen Machtverhältnissen, Ereignisse, die als ungerecht erlebt und empfunden werden, aber nicht in der Situation geäußert werden können, nicht vergessen, sondern auf dem „Seelenkonto“ abgespeichert. Wenn sich dann später die Machtverhältnisse umkehren, müssen zuerst die offenen Rechnungen beglichen werden.

Wenn sich eine Unstimmigkeit zeigt, kann es sein, dass wenn das „Seelenkonto“ lange Zeit unausgeglichen war, es bei einem Konflikt weniger um die aktuelle Situation geht, sondern um den Ausgleich des Seelenkontos.

Es kommen dann auf einmal Dinge zu Vorschein, die mit dem aktuellen Konflikt gar nichts zu tun haben, außer den umgekehrten Machtverhältnissen. Bei Konfliktanalysen sollte auch der Stand des Seelenkontos in Betracht gezogen werden, da vor weiteren Lösungsoptionen, zuerst das Soll des Seelenkontos ausgeglichen werden muss.

Der erforderliche Lernprozess werde häufig blockiert durch den Missstand des Seelenkontos, solange die Soll-Seite nicht ausgeglichen ist.

Im beschriebenen Beispiel kann man den Setting-Wechsel, dass sich die äußeren Bedingungen verändern, von Arbeitsalltag zu Urlaub, im Falle z.B. von Angestellten, als Umkehrung der Machtverhältnisse sehen, da sie nun mehr eigene Macht und selbstbestimmter sein können, als unter der Fremdbestimmung ihrer beruflichen Hierarchien.

Auch bei selbständigen, Führungskräften, Projektleitenden etc. kann es sich um eine Umkehrung der Machtverhältnisse handeln, wenn sie z.B. ihre Machtausübung darauf konzentriert leben und sich auf einmal ohne diese Machtausübung machtlos fühlen.

Ebenso können die Machtverhältnisse sich innerhalb einer Paarbeziehung umkehren, das heißt im Alltag versus ohne die äußeren Alltagsfaktoren können unterschiedliche Rollen wahrgenommen werden und dann im Urlaub vertauscht gelebt werden. Viele Paare erleben demnach eine Umkehrung der Machtverhältnisse, was den Ausgleich des Seelenkontos auslöst, also dass sich gesammelte Konflikte, in denen man sich unterlegen gefühlt hat nun zum Vorschein kommen, da man sich mächtiger fühlt.

Bei den Paaren zeigten sich vor allem in den ersten Tagen deutlich die verschiedenen Konfliktverhaltensmuster, worin sich die Soll-Seiten des Seelenkontos äußerten.

Dadurch, dass es bei den meisten Konflikten zwischen den Paaren im beschriebenen Fall zu Beginn des Urlaubs dann nach einigen Tagen zu einer Harmonisierung kam, wäre somit damit erklärbar, dass das Seelenkonto ausgeglichen und die aufgestauten Dysbalancen aufgearbeitet bzw. die Konflikte ausgetragen worden sind.

Durch die Ansammlung unverarbeiteter, unterdrückter, als ungerecht verbuchter Erfahrungen während des Alltags, drängen diese unter dann auf einmal umgekehrten Machtverhältnissen, wie in der veränderten Bedingung, wie sie im Urlaub sein kann, an die Oberfläche.

Es kann jedoch auch das Gegenteil konfliktauslösend sein, dass bei ausgeglichenem „Seelenkonto“ z.B. bei plötzlich mehr Zeit zum reden zu zweit als Paar, alte, eigentlich bereits abgeschlossene Konflikte, wieder aufgetan werden.

Das „Seelenkonto“ als Option für die Konfliktursache hat sicher Beachtung verdient, es können jedoch auch viele andere Faktoren für die Konflikthäufung zwischen Partnern insbesondere bei Liebespaaren gerade im Urlaub in Frage kommen, wie z.B. hohe Erwartungen, veränderte, ungewohnte Umgebungsbedingungen, fehlende Kompensationsgewohnheiten, veränderte Nähe versus Distanz, Freiräume für sich selbst usw.

Als alternatives Erklärungsmodell zur Konfliktanalyse wäre nach Riemann (1975) und Thomann (1988) das „Riemann-Thomann-Modell“ empfehlenswert, welches vier menschliche Grundausrichtungen, Nähe, Distanz, Dauer und Wechsel, betrachtet.

Riemann-Thomann-Modell nach Schulz von Thun